„Wie aus einem demokratischen Land ein Diktaturmonster werden konnte“: Volker Kutscher im Gespräch

Vor fast zwanzig Jahren begann Volker Kutscher seine Romanreihe um Kommissar Gereon Rath – ohne zu ahnen, wie stark gesellschaftliche Entwicklungen ihn in der Gegenwart einholen würden. Im Interview äußert sich der Autor zum zunehmenden Rechtspopulismus und das Wechselspiel zwischen Fakten und Fiktion.

Dieses Interview erschien am 13.11.2025 in englischer Übersetzung im „International Journal of Public History“. Für den Blogpost wurde die Einleitung gekürzt und leicht angepasst.

Die Zwanziger Jahre sind wieder da: nicht nur in den Jahrestagen, die die deutsche Erinnerungskultur strukturieren, sondern auch in der Bedrohung durch den erstarkenden Rechtspopulismus. Viele Menschen erinnert dies an die Krise der Weimarer Republik – ein zentrales Thema in den historischen Kriminalromanen von Volker Kutscher.

Mit seiner zehn Bände umfassenden Reihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath hat der Schriftsteller ein gewaltiges Gesellschaftspanorama gezeichnet. Dabei spannt die Reihe einen Bogen von der Weltwirtschaftskrise 1929 bis zum Novemberpogrom 1938, wobei die historischen Ereignisse weit mehr sind als bloße Kulisse für die Handlung.

Die Bände thematisieren den alltäglichen Antisemitismus, die Armut auf den Straßen Berlins und die kriminellen Ringvereine, ebenso wie das Aufkommen des Automobilverkehrs und des Stummfilms. Besonders eindrücklich wird geschildert, wie der preußische Polizeiapparat zerstört wird und ab 1933 vollständig in die Hände der neuen nationalsozialistischen Machthaber fällt. Einige Kriminalbeamte machen im neuen System Karriere, andere wiederum quittieren den Dienst.

Der Berliner Potsdamer Platz 1930
Der Potsdamer Platz in Berlin im Jahr 1930 (Wikimedia Commons)

Der letzte Band der Romanserie mit dem Titel „Rath“ erschien im Jahr 2024 und schildert die immer systematischere Judenverfolgung im „Dritten Reich“. Er mündet im Novemberpogrom von 1938 und thematisiert auch die Ermordung vermeintlich erbkranker Menschen im Rahmen der sogenannten Euthanasie. Der eigentliche Kriminalfall tritt im letzten Roman so sehr in den Hintergrund wie in keinem vorherigen Band, denn es ist der Staat selbst, der kriminell wird.

Auf historisch fundierte Weise sensibilisieren die Romane und ihre mehrfach preisgekrönte Serienadaption „Babylon Berlin“, die weltweit von Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern verfolgt wird, für die Gefahren der Gegenwart. Sie sind im besten Sinne Public History.

Volker Kutscher und Hanno Hochmuth bei der Buchpräsentation von Kutschers Roman “Transatlantik” im Jahr 2022. Foto: Nadja Zobel.

Der Historiker Dr. Hanno Hochmuth sprach mit Volker Kutscher über den Abschluss seiner Romanserie, das Zusammenspiel von Fakten und Fiktion sowie über „Babylon Berlin“.

Hanno Hochmuth: Mit „Rath“, dem zehnten Band um Gereon und Charlotte Rath, ist deine Romanserie zu einem fulminanten Abschluss gekommen. Sie beginnt 1929 und endet nun vor dem Hintergrund des Novemberpogroms 1938. du hast von Anfang an gesagt, dass du mit deiner Romanserie nicht über das Jahr 1938 hinausgehen wirst. Warum?

Volker Kutscher: Mir ging es nicht darum, Krieg und Holocaust zu zeigen, sondern darum, wie aus einem demokratischen, zivilisierten Land ein Diktaturmonster werden kann, das die halbe Welt in Krieg und Verderben stürzt. Das Jahr 1938 ist für mich der Point of no return, da war der Weg in Richtung Krieg und Shoa endgültig und unumkehrbar eingeschlagen. Die Pogromnacht im November markiert den endgültigen Zivilisationsbruch.

HH: In verschiedenen Interviews hast du gesagt, dass du mit deinen Romanen der Geschichtsvergessenheit entgegenwirken möchtest. Aber gründet sich der Erfolg deiner Bücher nicht auch auf einer gewissen Geschichtsversessenheit? Wie ist für dich das Verhältnis von Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit?

“So wichtig die Beschäftigung mit der Historie auch ist, sollte man darüber doch nie den Blick für die Gegenwart verlieren.”

VK: Ich glaube schon, dass ich mit meinen Romanen auch Menschen erreiche, die sich nicht in erster Linie für Geschichte interessieren, sondern für andere Aspekte der Welt meiner Romanfiguren. Oder vielleicht für andere Aspekte der Geschichte. Wenn ich Menschen, die sich zum Beispiel aus rein nostalgischen Gründen für das Berlin der 1920er Jahre interessieren, näherbringen kann, warum diese Welt zugrunde gegangen ist und wie fragil eine Demokratie doch ist, dann ist schon viel gewonnen. Interesse an Geschichte muss ja nicht gleich zu Geschichtsversessenheit führen. So wichtig die Beschäftigung mit der Historie auch ist, sollte man darüber doch nie den Blick für die Gegenwart verlieren.

HH: Schon im Auftakt der Romanserie „Der nasse Fisch“, der 2007 erschienen ist, geht es um die Bedrohung der Demokratie durch rechte Kräfte. Inwieweit wurdest du mit deiner Romanserie inzwischen von den gesellschaftlichen Problemen unserer Gegenwart eingeholt?

VK: Die gesellschaftliche Entwicklung, die wir seit einiger Zeit ja leider nicht nur in Deutschland beobachten können, habe ich mir 2007 für unser Land naiverweise überhaupt nicht vorstellen können. Es ging mir einmal darum, die Ereignisse vor und nach 1933 besser verstehen zu können, aber auch darum, den Blick für die möglichen Probleme der Zukunft zu schärfen und dafür, wie sie in der Gegenwart wurzeln. Allerdings hatte ich da eher an Umweltkrisen und ähnliche Probleme gedacht; dass die westliche Welt nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts noch einmal einen solchen Rechtsruck erleben könnte, habe ich mir einfach nicht vorstellen können.

HH: Deine Bücher bestechen durch ihren historischen Detailreichtum. Wie recherchierst du für die Bücher? Was ist der Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Historiker?

“Ich möchte Interesse an Geschichte wecken, nicht Geschichte schreiben.”

VK: Ich nehme alle Informationen, die ich zwischen die Finger bekommen kann: Texte, Fotos, Filme. Und natürlich die Stadt selbst, die architektonischen Hinterlassenschaften der Geschichte in Berlin. Zuallererst ziehe ich natürlich die Arbeiten von Historikern und Historikerinnen zu Rate, lese aber auch Biographien von Zeitgenossen, schaue mir alte Speisekarten ebenso an wie alte Stadtführer oder Werbebroschüren. Das mache ich nicht nach einem bestimmten System, ich sammle und sammle, und dann durchforste ich diesen Riesenberg nach dem, was ich für meinen Roman gebrauchen kann, was immer nur ein kleiner Bruchteil ist. Am Ende der Recherche aber steht, fast schon als Ritual, immer die Lektüre der damaligen Tageszeitung, das ist für mich die ultimative Zeitreise.

Im Unterschied zum Historiker muss ich keine Thesen aufstellen, keine Erklärungen bieten, ich kann einfach zeigen, wie die Vergangenheit gewesen sein könnte, und lasse meine Leserschaft die Schlüsse daraus ziehen. Ich möchte Interesse an Geschichte wecken, nicht Geschichte schreiben.

Alte Postkarte mit dem Berliner Alexanderplatz um etwa 1900
Der Berliner Alexanderplatz um etwa 1900 mit dem damaligen Polizeipräsidium (roter Backsteinbau) im Hintergrund (Postkarte von ca. 1900, Wikimedia Commons)

HH: Was ist dein liebstes historisches Detail, über das du bei der Recherche gestolpert bist? Gibt es historische Persönlichkeiten, die du gern noch eingebaut hättest?

VK: Ein schönes Detail, das mir noch nicht bekannt war, habe ich bei den Recherchen zu den Kantgaragen in Charlottenburg entdeckt, und das betrifft die Gesetzeslage zum Parken am Straßenrand. Die Großgaragen in Berlin wurden damals nämlich nicht für die Autofahrer von außerhalb gebaut, sondern für die Anwohner, weil es verboten war, das Auto zum Dauerparken am Straßenrand abzustellen. Das kann sich heute, wo die Straßen rechts und links von Autos gesäumt sind, keiner mehr vorstellen, aber so war es. Und dieses Gesetz wurde in der Bundesrepublik erst in den 1960er Jahren außer Kraft gesetzt, also lange nach dem Krieg.

Was die historischen Persönlichkeiten angeht: Die einzubauen, war mir eigentlich nie so wirklich wichtig. Es gibt nur wenige Prominente, denen meine Figuren im Rahmen meiner Romane über den Weg laufen, und das ist auch meist B- oder C-Prominenz. Mehr müssen es nicht sein, mein Interesse gilt eher den normalen Menschen.

HH: Wie gestaltet sich für dich das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion? Dürfen deine literarischen Figuren in den Lauf der tatsächlichen Geschichte eingreifen?

“Meine Figuren müssen die historischen Fakten erleiden und erleben und sich ihnen gegenüber verhalten, sie greifen aber nicht in die Geschichte ein.”

VK: Es ist für mich außerordentlich wichtig, dass meine Figuren eben nicht in die Geschichte eingreifen. Mir geht es darum zu zeigen, wie bestimmte Charaktere unter bestimmten historischen Umständen auf diese reagieren, wie sie sich verhalten. Sie müssen die historischen Fakten erleiden und erleben und sich ihnen gegenüber verhalten, sie greifen aber nicht in die Geschichte ein. Das fände ich ungehörig, und es würde den komplexen Verlauf der Geschichte auch simplifizieren.

HH: Deine Bücher erinnern mit ihrer Montagetechnik und mit ihren Showdowns an Filme. Mit der Serie „Babylon Berlin“ gibt es nun seit 2017 eine sehr aufwendige und erfolgreiche Fernsehadaption der ersten Bücher? Gleichzeitig hast du die Romanserie weitergeschrieben? Wie ist das Verhältnis zwischen Buch und Serie? Wie unabhängig bist du noch von der Verfilmung? Hast du bei Gereon Rath und Charlotte Ritter inzwischen die Schauspieler Volker Bruch und Liv Lisa Fries vor Augen?

VK: Da die Fernsehserie sich von Staffel zu Staffel immer mehr von meinen Romanen entfernt hat, bin ich allein dadurch sehr unabhängig von der Verfilmung geblieben. Zumal auch die Herangehensweise eine ganz andere ist: „Babylon Berlin“ endet 1933, das war immer das Ziel der TV-Serie; mir war es aber gerade wichtig zu sehen, wie meine Figuren in der Welt nach 1933 agieren, und deshalb erzähle ich auch bis Ende 1938. Allein dadurch unterscheidet sich das Romanprojekt von der Serie.

Die Serien- und die Romanwelt sind für mich also zwei unterschiedliche Welten, und so habe ich auch bei Charlotte und Gereon in meinen Romanen andere Gesichter vor Augen. Auch deswegen: Als ich die ersten Filmbilder 2017 sah, gab es die Rath-Welt in meinem Kopf schon seit mehr als zehn Jahren und hatte schon sehr konkrete Gestalt angenommen. Daran konnte auch das bildgewaltige Babylon Berlin nichts mehr ändern.

“Die Serien- und die Romanwelt sind für mich zwei unterschiedliche Welten.”

HH: Die Romanserie ist jetzt zu einem Ende gekommen. In welche Epoche werden uns deine nächsten Bücher entführen? Oder hast du inzwischen vielleicht genug von Geschichte?

VK: Ich werde die Rath-Welt zunächst noch ein wenig ausschleichen. Zunächst mit „Westend“, einem kleinen illustrierten Erzählband, dem dritten, den ich mit der Illustratorin Kat Menschik zusammen gemacht habe, und dann mit ein paar Kurzgeschichten aus dem Rath-Universum, die ich noch schreiben möchte, damit wir zusammen mit den bereits geschriebenen Rath-Kurzgeschichten einen anständigen Sammelband zusammenkriegen. Erst dann geht es an den nächsten Roman. Wo und wann der genau spielen wird, kann ich noch nicht sagen, aber in irgendeiner Weise wird er sich mit unserer Vergangenheit beschäftigen, das steht fest.

Die englischsprachige Version des Interviews und weitere spannende Beiträge finden Sie in unserem Open-Access-Journal

[Titelbild: Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland im März 1933; Wikimedia Commons]

Hanno Hochmuth

Dr. Hanno Hochmuth ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und lehrt Public History an der Freien Universität Berlin.

Volker Kutscher

Volker Kutscher ist Schriftsteller und vielen bekannt für seine Reihe über den Kriminalkommissar Gereon Rath. Bevor er begann, historische Kriminalromane zu schreiben, war er als Journalist und Drehbuchautor tätig. (Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 3.0)

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