Wie wird Lesen wirklich barrierefrei? Ein Interview mit Thomas Kahlisch

Egal ob zur Unterhaltung oder zu wissenschaftlichen Zwecken – Bücher, Zeitschriften und andere Formen von Lesestoff sollten für alle Menschen zugänglich sein. Doch wie kann das gelingen? Im Interview erklärt Thomas Kahlisch, Direktor des Deutschen Zentrums für Barrierefreies Lesen, warum Kooperation dabei so wichtig ist.

Dieses Interview ist auch in englischer Sprache verfügbar. Die Übersetzung finden Sie hier.

Barrierefreiheit betrifft nahezu jede Facette unserer Gesellschaft. Sie fordert uns dazu auf, die vielfältigen Hindernisse im Alltag von Menschen mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen sichtbar zu machen und abzubauen. Eine dieser Barrieren ist die begrenzte Zugänglichkeit von Texten für blinde und sehbehinderte Menschen.

Nicht zuletzt da dieses Thema für uns als Verlag von großer Relevanz ist, haben wir Prof. Dr. Thomas Kahlisch, den Direktor des Deutschen Zentrums für Barrierefreies Lesen (dzb lesen) zum Gespräch eingeladen. Seit 1999 setzt sich der promovierte Informatiker für die Belange von blinden und sehbehinderten Menschen ein – um jene Barrieren zu beseitigen, die ihnen das Lesen erschweren oder sogar unmöglich machen.

Florian Hofbauer, Archivist und Process Manager bei De Gruyter Brills Paradigm Publishing Services, sprach mit Thomas Kahlisch über die Arbeit des dzb lesen, Herausforderungen für sehbehinderte Studierende, die barrierefreie Erschließung wissenschaftlicher Texte und vieles mehr.

Florian Hofbauer: Herr Kahlisch, stellen Sie doch bitte einmal das dzb lesen vor. Was ist das für eine Einrichtung und wie lange gibt es sie?

Thomas Kahlisch: Das dzb lesen wurde 1894 gegründet und ist damit die älteste Bibliothek für blinde Menschen in Deutschland. Damals hieß sie Deutsche Zentralbücherei für Blinde. Der Hauptschwerpunkt der Arbeit war die Übertragung von Literatur in die Brailleschrift – also Bücher, Zeitschriften und auch schon relativ früh Musiknoten. Es ist also eine Einrichtung mit viel Tradition.

“Wir müssen die Literatur, die wir ausleihen, selbst herstellen […] Entleihen dürfen nur blinde, seh- oder lesebehinderte Menschen.”

Über die Zeit, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es die Zentralbücherei für Blinde dann in der DDR als staatlich finanzierte zentrale Einrichtung, die Literatur für blinde und sehbehinderte Menschen aufbereitete. Seit der Wende, also seit 1990, sind wir eine Einrichtung des Freistaates Sachsen, gehören zum Ministerium für Wissenschaft und Kunst und werden als Bibliothek mit Landesmitteln finanziert.

Wichtig ist: Wir bieten unsere Dienstleistungen deutschlandweit an, nicht nur in Sachsen.

Wir müssen die Literatur, die wir ausleihen, selbst herstellen. Das heißt, wir übertragen Bücher, Zeitschriften und Musiknoten in Brailleschrift. Wir haben eine Hörbuchproduktion, bieten Zeitschriften an, tastbare Abbildungen, Kinderliteratur – ein breites Spektrum an Relief-Darstellungen. All diese Materialien geben wir kostenlos an unsere Nutzerinnen und Nutzer aus. Entleihen dürfen nur blinde, seh- oder lesebehinderte Menschen.

Dazu gekommen sind in den letzten Jahren Großdruck sowie digitale Angebote: Hörbücher oder Brailletexte in digitaler Form, die man per App oder über das Internet ausleihen kann.

FH: Seit wann bieten Sie denn digitale Publikationen an?

TK: Angefangen hat es mit den Hörbüchern. Aus den früheren Kassettenbüchern wurden digitale Versionen im DAISY-Format – das steht für Digital Accessible Information System. Es ist ein weltweiter Standard, der es ermöglicht, innerhalb eines Hörbuches zu navigieren, weil ein Inhaltsverzeichnis integriert ist. In Deutschland ging das etwa 2001 los.

*Der European Accessibility Act (EAA) trat im Juni 2025 in Kraft. Die Richtlinie legt spezifische Anforderungen für eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen fest, die von Unternehmen in der gesamten EU angeboten werden, mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen einen gleichberechtigten Zugang zu gewährleisten.

Hinzu kamen digitale Braille-Texte, die man auf einer Braillezeile lesen kann. Und jetzt – auch im Zusammenhang mit dem European Accessibility Act* – barrierefreie E-Books im EPUB-3-Format.

FH: Können Sie noch etwas über die Landschaft der Angebote für barrierefreie wissenschaftliche Literatur sagen? Welche Einrichtungen außer ihrem Zentrum fallen Ihnen da noch ein?

TK: Wissenschaftliche Literatur ist in Deutschland ein Sonderfall; darüber kann ich gern berichten. Wir selbst bieten diesen Bereich nicht an, es gibt jedoch Hochschulen, die eigene Servicezentren haben und wissenschaftliche Literatur aufbereiten – etwa Dresden, Karlsruhe, Marburg, Gießen oder Dortmund. Dort arbeiten studentische Hilfskräfte oder es gibt zentrale Accessibility-Teams. Aber bei weitem nicht jede Hochschule verfügt über so ein Zentrum. Viele Studierende arbeiten dann mit Vorlesekräften oder sehr individuellen Lösungen, wie dem regelmäßigen Versand von der einen Hochschule zur anderen.

FH: Das klingt nach einem ziemlichen Mehraufwand für viele blinde, seh- und lesebehinderte Menschen, die nicht an ebenjenen Universitäten mit eigenen Servicecentren studieren?

TK: Ja, das ist genau das Problem. Zentren gibt es schon eine Menge, aber es gibt auch ganz viele Hochschulen, wo in diesem Bereich wenig passiert ist. Das ist dann auch für die Studenten die Frage, wie weit sie da erfolgreich studieren. Es gibt welche, die sagen, ich kämpfe mich da jetzt an einer Hochschule ohne Servicecenter durch, da gibt es dann Individuallösungen. Es wird mit Unterstützungsleistungen wie Vorlesekräften gearbeitet, was natürlich als Individualdienstleistung weitaus mehr Ressourcen kostet als eine digitale Alternative.

FH: Wenn wir noch einmal tiefer in die Praxis von Benutzer*innen barrierefreier eBooks gehen, welche Formate eignen sich da am besten? Ist die kontrovers diskutierte PDF bei Ihnen im Zentrum noch ein Thema?

TK: Ganz klar, das EPUB 3 ist als eigenständiges, strukturiertes Dokumentenformat dem PDF haushoch überlegen. EPUB basiert auf XML-Strukturen, konkret HTML5. Es ist das moderne, offene Format, auf das auch die Paragraphen des European Accessibility Act ausgerichtet sind.

Mit EPUB 3 kann man Sach- und Fachtexte strukturieren, Tabellen integrieren, MathML für Formeln nutzen und Alternativtexte für Abbildungen einfügen.

“Barrierefreie PDFs sind aufwendig […] Und am Ende ist das Ergebnis für Screenreader-Nutzer oft unbefriedigend.”

Das Problem des PDF liegt im Format selbst. PDF stammt aus einer Zeit ohne XML-Strukturierung. Zwar wurden in neueren PDF-Versionen und in PDF/UA Verbesserungen integriert, aber die Tools sind immer noch nicht da, wo sie sein müssten. Viele Verlage sind sehr PDF-orientiert – gerade in Deutschland. Das ist verständlich, aber barrierefreie PDFs sind aufwendig, besonders bei komplexen Strukturen. Und am Ende ist das Ergebnis für Screenreader-Nutzer oft unbefriedigend.

FH: Das ist sehr aufschlussreich, insbesondere angesichts der vielen unterschiedlichen Informationen, die zum European Accessibility Act (EAA) zu finden sind. Haben Sie für den deutschsprachigen Markt eine Übersicht oder Informationsstelle, die Sie empfehlen können?

TK: Zusammen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben die Blindenbibliotheken, so auch das dzb lesen, deutsche Guidelines erarbeitet – die finden Sie online beim Börsenverein. Dort ist beschrieben, wie man barrierefreie Webseiten, EPUBs und PDFs erstellt. Es existiert seit etwa 5 Jahren eine Taskforce und diese hat gemeinsam mit uns diese Richtlinien entworfen, ich kann diese Plattform also unbedingt empfehlen.

“Die Technologie hilft, ersetzt aber nicht die Expertise.”

FH: Ein großes Thema im EAA sind Alternativtexte. Viele Werke haben hunderte oder tausende Abbildungen. Wie handhabbar ist das?

TK: Das ist eine Herausforderung. Wir haben die Anforderungen mit erarbeitet und schulen Verlage dazu, etwa über den Frankfurter Mediencampus. Die Nachfrage ist groß.

Bei Büchern mit 500 Bildern braucht man viel Zeit. Idealerweise arbeiten Autorinnen und Autoren mit, weil sie den fachlichen Kontext kennen. KI wird eingesetzt, ja – aber oft fehlt der Kontext, und man muss danach viel korrigieren. Die Technologie hilft, ersetzt aber nicht die Expertise.

FH: Und was ist mit hochkomplexem Material – Landkarten, Comics, Tabellen?

TK: Da gibt es natürlich Grenzen. Der Aufwand ist teilweise enorm. Hier können Kooperationen helfen: mit dem dzb Lesen, mit blista Marburg oder mit den Medienzentren der Förderschulen. Wir haben Expertise etwa im Erstellen tastbarer Abbildungen. Diese Kompetenz hat man nicht „einfach so“. Also ja: Kooperation ist der richtige Weg, Erfahrungen austauschen und natürlich so arbeiten, dass es Sinn macht für alle.

“Kooperation ist der richtige Weg, Erfahrungen austauschen und so arbeiten, dass es Sinn macht für alle.”

Wir sind aber als öffentliche Bibliothek personell begrenzt; wissenschaftliche Fachrichtungen wie Mathematik oder Physik können wir nicht vollständig abdecken. Da wären eher Einrichtungen wie Karlsruhe oder Dresden geeignet.

FH: Sie erwähnten ein Miteinbeziehen des dzb’s in Arbeitsgruppen des European Accessibility Act – sind Sie zufrieden mit Gesetzgebung und Umsetzung?

TK: Das Gesetz selbst wurde von der EU verfasst, nicht von uns. Natürlich gibt es Kritikpunkte. Grundsätzlich ist es aber sehr positiv, dass digitale Literatur, Kaufwege, Bankautomaten, öffentlicher Nahverkehr und Informationsterminals barrierefrei werden müssen.

Problematisch sind die teilweise langen Übergangsfristen. Dass Banken bis 2040 Zeit haben, Barrierefreiheit umzusetzen, ist absurd – die Technik existiert seit Jahren. Onlinedienstleister und eben auch Verlage müssen sofort liefern, Banken erst in 15 Jahren. Das verstehe ich nicht.

Schade ist außerdem, dass nicht alle Industrien abgedeckt sind – die Gesundheitsbranche zum Beispiel überhaupt nicht.

FH: Als letzte Frage ein Blick in die Zukunft, was können Sie Verlagshäusern als Ratschlag zum Thema Barrierefreiheit mit auf den Weg geben? Wird die KI unsere Probleme von allein lösen?

TK: Ich bin Informatiker, aber skeptisch, dass KI alles lösen wird. Es ist verständlich, dass Verlage nicht zehntausende Backlist-Titel vollständig barrierefrei machen können, gerade diese, die vielleicht einzeln für sich nicht viele Aufrufe haben. Selbsthilfeverbände sagen natürlich: „Alles muss barrierefrei sein.“ Politisch ist das schwierig. Aber der Gedanke – gezielt, kooperativ und mit realistischem Aufwand zu arbeiten – ist sinnvoll. In vielen Fällen wird man pragmatische Lösungen finden müssen. Ohne Austausch und Erfahrungsweitergabe geht es da nicht. Sowohl wir als auch die anderen Informationszentren können bei Fragen kontaktiert werden und helfen gerne weiter.

[Titelbild: DrewTraveler/iStock/Getty Images Plus]

Thomas Kahlisch

Prof. Dr. Thomas Kahlisch ist seit 1999 Direktor des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen. Als selbst blinder promovierter Diplominformatiker engagiert er sich für das Themenfeld barrierefreie Information und Kommunikation. Er ist Honorarprofessor an der Universität und der HTWK Leipzig und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes. Thomas Kahlisch ist Vorsitzender der Mediengemeinschaft für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen e.V. (Medibus). Er vertritt Deutschland im DAISY Konsortium, in dem die internationalen Standards und Technologien der barrierefreien Gestaltung von digitalen Publikationen entwickelt werden.

Florian Hofbauer

Florian Hofbauer ist Archivist and Process Manager bei Paradigm Publishing Services und seit 2018 Teil von De Gruyter Brill. Neben seiner Arbeit im Bereich Digitalisierung ist er für die Umsetzung des European Accessibility Acts verantwortlich und beobachtet die Entwicklung der Barrierefreiheit in der Verlagsbranche sowie in den Produkten von Paradigm. Als Experte für Barrierefreiheit bietet er Einführungs- und Begleitvorträge für Partner und Interessierte an.

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