„Huch, alle tot?“ – Buddenbrooks einmal anders

Ob Tortentode oder Papageien in der Zahnarztpraxis: Thomas Manns „Buddenbrooks“ geben auch heute noch Rätsel auf. Wir haben mit vier Expertinnen aus dem Lübecker Buddenbrookhaus über verborgene Details rund um die hanseatische Kaufmannsfamilie gesprochen, die selbst eingefleischte Fans des Romans überraschen werden.

125 Jahre nach Veröffentlichung, unzählige Familiendramen über vier Generationen, erzählt von einem Literatur-Nobelpreisträger: Der Bann der „Buddenbrooks“ scheint ungebrochen.

Doch selbst nach über einem Jahrhundert der literarischen Auseinandersetzung mit dem großen Gesellschaftsroman von Thomas Mann sind nicht alle Fragen beantwortet – darunter solche, von denen man nicht ahnte, dass sie überhaupt existieren. Zum Beispiel: Gibt es Vampire in der Lübecker Kaufmannsfamilie? Was ist ein Plettenpudding? Und warum bekommt Antonie „Tony“ Buddenbrook eine Internet-Flatrate angeboten?

Um diesen und 98 weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, lohnt es sich, einen Blick in das kürzlich erschienene Buch „Huch, alle tot? 101 Fragen & Antworten zu »Buddenbrooks«“ (V&R) zu werfen. Herausgegeben vom Lübecker Buddenbrookhaus, versammelt es kurzweilige Beiträge von Dr. Caren Heuer (Direktorin), Britta Dittmann (Archiv und Bibliothek), Dr. Barbara Eschenburg (wissenschaftliche Mitarbeiterin) und Marie Limbourg (Ausstellungsmanagerin).

Dr. Caren Heuer (Direktorin), Britta Dittmann (Archiv und Bibliothek), Dr. Barbara Eschenburg (wissenschaftliche Mitarbeiterin) und Marie Limbourg (Ausstellungsmanagerin).
v.l.n.r.: Britta Dittmann, Caren Heuer, Marie Limbourg, Barbara Eschenburg,

Im Gespräch verraten die vier Expertinnen, wie die 101 Fragen & Antworten entstanden sind, welche Romanfiguren ihnen persönlich am nächsten stehen – und was es mit ihrem „tödlichen“ Buchtitel auf sich hat.

Alexandra Hinz: Wie ist Ihre persönliche Faszination für den Roman „Die Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ entstanden?

Britta Dittmann: Ich bin geborene Lübeckerin und habe „Buddenbrooks“ mit 17 Jahren gelesen, weil ich vorher die TV-Serie gesehen hatte und mich bei der Lektüre daran erfreut, dass ich alle Schauplätze kenne. In jedem Lebensjahrzehnt habe ich den Roman wieder gelesen und zahlreiche neue Lesarten und Themen entdeckt. Insbesondere die sprachliche Brillanz, der Humor und die Ironie begeistern mich immer wieder.

Marie Limbourg: Tatsächlich über ein Praktikum im Studium. Ich hatte im Semester vorher eine Übung zum Roman „Buddenbrooks“ gemacht, der mein Interesse geweckt hat, und habe mich dann für ein Praktikum am Buddenbrookhaus beworben. Es war während der Corona-Pandemie und Veranstaltungen waren nicht erlaubt, dafür aber eine intensivere Beschäftigung mit dem Text, den Geschichten darum und dem Buddenbrookhaus. Die Faszination hat bis heute nicht nachgelassen!

Barbara Eschenburg: Ich habe den Roman zum ersten Mal mit 16 Jahren gelesen, weil in der Familie viel darüber gesprochen wurde. Mein Vater kommt, wie Thomas Mann und die Buddenbrooks, aus einer hanseatischen Kaufmannsfamilie. Angeblich sollten hier Figuren vorkommen, deren Vorbilder unsere Vorfahren waren. Beim Lesen war ich dann eher enttäuscht, dass die „Vorfahren“ eigentlich kaum erwähnt wurden. Das Buch bewegte mich dafür auf ganz andere Weise: ich war erschüttert von Tonys Zweckehe und Hannos Schulleiden. „Buddenbrooks“ hat für mich auch beim Wiederlesen seine Faszination bewahrt – durch die Sprachgewalt, die virtuose Erzählkunst und die vielen humorvollen Details.

Caren Heuer: Als ich in der 5. Klasse war, las der Deutschlehrer das Weihnachtskapitel aus „Buddenbrooks“ vor. Dazu gab es Lebkuchen und Plätzchen. Herrlich! Ich begriff nicht, wer dieser Hanno war, aber der Zauber von Thomas Manns Sprache – den fühlte ich und fühle ich noch heute.

Alexandra Hinz: Wie haben Sie die 101 Fragen ausgewählt? Wo gab es Diskussionen?

BE: Bei der erneuten Lektüre von Buddenbrooks haben wir uns parallel Fragen notiert, die beim Lesen aufkamen. Anschließend haben wir nach Kategorien wie Figuren, Essen, Tiere, Politik, etc. sortiert und die Formulierungen zugespitzt. Ziel war es, eine möglichst breite Palette abzudecken: von reinen Fun Facts zu Fragen, die einem tieferen Textverständnis dienen.

“Es wurde sehr deutlich, dass man zu ‚Buddenbrooks‘ weit mehr als 101 Fragen stellen kann.”

Barbara Eschenburg

Ich kann mich erinnern, dass wir länger darüber diskutiert haben, warum Zahnarzt Brecht eigentlich einen Papagei als Sprechstundenhilfe hat. Die Frage, welches Geheimnis hinter Christians unverwechselbarem Stock steckt, musste dagegen leider wieder gestrichen werden. Wir wissen es selbst nicht genau. Es wurde sehr deutlich, dass man zu „Buddenbrooks“ weit mehr als 101 Fragen stellen kann. Wir haben uns beschränkt auf die wichtigsten und lustigsten.

AH: Was hat es mit dem Buchtitel „Huch, alle tot?“ auf sich? Gab es noch andere Optionen und was hat den Ausschlag gegeben?

CH: Der Roman, der ja eine Genealogie des Verfalls erzählt, wird durch den Tod strukturiert. Das macht Thomas Mann aber so elegant und en passant, dass man als Leser*in am Schluss überrascht ist, wie viele Figuren den Text nicht überlebt haben.

ML: Wer sich die Kapitelüberschriften angesehen hat, wird festgestellt haben, dass wir die diversen und manchmal sehr kuriosen Tode der Figuren durchgehen. So kam es dazu, dass ich bei der Neustrukturierung einiger Fragen in unserer Besprechung ausrief: „Huch, jetzt sind ja alle tot!“ So wurde ein Lacher zum Titel des Buches.

AH: Welcher ist Ihr Lieblings-(Fun-)Fact aus Ihrem Buch?

BD: Die Tatsache, dass immer wieder Post für Familie Buddenbrook ins Buddenbrookhaus kommt und Tony eine Internetflatrate angeboten bekommen hat.

ML: Definitiv die Bärte! Am meisten Spaß beim Schreiben machte mir die Beschäftigung mit den Fragen nach Mode, Trends und äußerlichen Kleinigkeiten, die bei einer rein wissenschaftlichen Betrachtung oft nicht in dieser Art und Weise möglich ist. Nun kann ich mit Partywissen glänzen, wer denn wirklich die Haare schön hat in „Buddenbrooks“. Und wer weiß, im Zeitalter von Bridgerton werden die „Schuhe mit Kreuzbändern und weißen Strümpfen“ ja vielleicht wieder zum Trend.

BE: Es ist zwar etwas morbid, aber mir gefällt die Wortschöpfung „Möllendorpfscher Tortentod“ wirklich gut. Eine spannende Beobachtung dabei ist die Tatsache, dass Essen in den Buddenbrooks oft nicht der Gesundheit dient, sondern den Verfall begleitet – zu Magenbeschwerden, Zahnleiden und Schlaganfällen führt. Faszinierend bleibt, dass man darüber trotzdem oft lachen muss und nicht etwa weinen.

“Nach 800 Seiten Lektüre ist klar: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.”

Caren Heuer

CH: Ich halte die Frage „Woran scheitert die Familie Buddenbrook?“ für die wichtigste des Buches. Selbstredend sind die Gründe zahlreich. Nach 800 Seiten Lektüre aber ist klar: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Insofern ist „Buddenbrooks“ auch eine Mahnung – nicht nur an Ewig-Gestrige.

AH: Welche Figur aus dem Roman würden Sie gerne mal auf einen Kaffee treffen und worüber würden Sie mit ihr sprechen?

BD: Morten Schwarzkopf. Ich würde ihn fragen, was aus ihm geworden ist, ob er immer noch eine rebellische Haltung hat oder konservativ geworden ist. Und warum er Tony erst von seiner Unzufriedenheit mit der Obrigkeit erzählt hat und dann im Ernstfall sehr schnell klein beigegeben hat.

ML: Ganz klar Christian Buddenbrook! Wir teilen die Liebe zum Theater und könnten über Stücke, Bühnenbild und alles was hinter den Kulissen passiert sprechen. Während des Studiums, das u.a. auch Theaterwissenschaft beinhaltete, hatten wir eine Clique, mit der wir gemeinsam Stücke angesehen haben. Anschließend ging man nicht in den Club, aber doch auf einen oder zwei Cocktails zum ansässigen Kubaner. Hier wäre Christian Buddenbrook sicher ein bereichernder Gesprächspartner gewesen und hätte von seinem Aufenthalt in Valparaíso Geschichten zum Besten geben können.

BE: Mit Thomas Buddenbrook. Ich würde mit ihm darüber sprechen, worin die eigentliche Begabung seines Sohnes liegt und welche Erwartungen man vielleicht lieber nicht haben sollte. Ich würde ihn gerne fragen, ob es etwas gibt, das er lieber geworden wäre als Kaufmann. Und: ob er eigentlich wirklich glaubt, dass der Kaufmannsstand ein ehrenwerter ist.

CH: Makler Sigismund Gosch! Im Nebenberuf Literat. Eine überaus belesene, zugleich dämonische Nebenfigur, die den Tratsch der ganzen Stadt kennt und sein Wissen mit Verweisen auf die großen Klassiker spickt. Von ihm zu hören, was seine wachen Augen alles gesehen haben, wäre ein großes Vergnügen.

[Title image: AI-generated with Gemini]

Caren Heuer

Dr. Caren Heuer leitet seit 2024 das Literaturmuseum »Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum« in Lübeck. Zuvor war sie über zehn Jahre als wissenschaftliche Projektkoordinatorin für die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck tätig.

Britta Dittmann

Britta Dittmann ist seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck und verantwortlich für Bibliothek und Archiv des Literaturmuseums »Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum«.

Barbara Eschenburg

Dr. Barbara Eschenburg promovierte über Thomas Manns Menschlichkeitsbegriff im Kontextrussischer Literatur. Seit 2015 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Literaturmuseum »Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum« in Lübeck.

Marie Limbourg

Marie Limbourg promoviert an der JGU Mainz über das Werk Walter Kempowskis. Außerdem ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am »Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum« in Lübeck.

Pin It on Pinterest